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Divus

Simone Weigelt: Schröders

Simone Weigelt: Schröders

Simone Weigelt ist hier etwas Außergewöhnliches gelungen. Sie hat nicht nur einzelne Menschen abgelichtet, sondern das Porträt einer Kneipe gezeichnet, das Bild eines Gasthauses in einer brandenburgischen Kleinstadt, wie sie komplett zu verschwinden drohen. Und diese Bilder erzählen uns Geschichten. Es sind nicht nur die Geschichten der Menschen, die nicht selten genau an diesem Ort begonnen haben und vielleicht auch enden werden. Diese Bildserie ist auch die Geschichte von jedem von uns.
EAN: 978-1-8383501-9-2
Gewicht: 0.4 kg
Abmessungen: 17 cm x 15 cm
Kategorie:
Normaler Preis 476,00 CZK
Normaler Preis Verkaufspreis 476,00 CZK
Sale Ausverkauft
inkl. MwSt.
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Text Christian Spunk Seipel
Übersetzung Tobias Werner
Design Ivan Mečl
Erstausgabe
Klosterscheune Zehdenick & Divus
Nová Perla, 2025

Eins ist klar: Die weltbeste Kneipe ist und bleibt das Schröder! Gut, das ist kein Alleinstellungsmerkmal für ein Gasthaus. Denn wen auch immer man fragen wird: Die eigene Stammkneipe ist natürlich immer die beste Bar der Welt. Die Gäste sind die coolsten und allerbesten Freunde, und nirgendwo sonst kann man solche Geschichten erleben wie in der eigenen Lieblingsbar. Die Kneipe bedeutet Leben, und ohne sie wäre es auf jeden Fall trister.
Obwohl es gefühlt eine Million weltbeste Kneipen auf der Welt gibt, wenn nicht noch viel mehr ‒ unter ihnen allen zeichnet sich das Schröder in der Mitte der kleinen Stadt an der Havel doch ganz besonders aus. Das Schröder kann man ohne Übertreibung als das Ideal einer Institution bezeichnen. Es gibt nichts, was man im Schröder ändern wollte oder sollte. Absolut nichts. 
Kein Wunder, dass es schon ungewöhnlich viele geschriebene und erzählte Liebeserklärungen an das Schröder gibt. Vor allem aber eine treue Stammkundschaft prägt die Kneipe. Und das schon über Generationen hinweg. Um genau zu sein: Seit 1914! Was kann es für einen besseren Beweis geben, dass es sich um die beste Kneipe der Welt handelt?
Es gibt den etwas abgedroschenen Satz: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“ Ein Zitat aus Johann Wolfgang von Goethes Schauspiel „Faust“. Er drückt das Gefühl der Freiheit und des Rückzugs von den Zwängen des Alltags aus, wo man einfach so sein kann, wie man ist. Auf welchen Ort trifft das besser zu als auf das Schröder? Hier geht es nicht um eine Inszenierung ‒ weder der Kneipe noch der Besucher. Nirgendwo wirken das Holzimitat, die Ziegeltapete, die reduzierte Dekoration und die Gardinen an den Fenstern authentischer. 
Die Getränke- und die Speisekarte zeugen von Realismus. Es muss schmecken. Es geht nicht um das Abgrenzen durch dekadente kulinarische Raffinessen. Die Rezepte stammen zum größten Teil noch von den vorhergehenden Generationen und werden mit Sicherheit auch in Zukunft die gleichen sein. 
Aber auch die Besucherinnen und Besucher haben keine Inszenierung nötig. Man kommt, wie man eh den ganzen Tag herumläuft. Wozu soll man sich umziehen? Man kennt sich ja sowieso. Die Alten haben die Jungen noch als Babies gekannt, und die Jungen werden die Alten zu Grabe tragen. Bis dahin aber erst einmal Prost.

Im Schröder kann man nicht nur sein komplettes Leben verbringen, sondern sogar den ganzen Tag. Vom Frühstück am Morgen bis in die Nacht hinein. Es ist ein Kommen und Gehen. Die einen wollen nur kurz vorbeischauen, nachsehen, wer da ist, und eine schnelle Molle trinken oder ein kurzes Gespräch führen. Andere verdaddeln den Tag am Spielautomaten, gucken ein Fußballspiel am Fernseher oder machen beim Zehdenicker Superstar Blocky einen Englischkurs. Line Dance wird im Hinterraum, der gar nicht vom Gastraum abgegrenzt ist, geübt, und alle sehen mehr oder weniger interessiert zu. Familienfeiern finden dort ebenso statt. An der einen Tafel wird mit weißen Tischdecken ein Jubiläum gefeiert, während an den anderen Tischen, leicht abwischbar, die Kneipenroutine abläuft. Abends dann probieren sich Jugendliche aus oder es wird Skat gespielt, und die Gewinner gehen mit Tüten voll Fleisch und Neuigkeiten aus der Stadt nach Hause. Wichtig ist und bleibt, dass es friedlich ist. Jeder kann sein, wie er ist, sagen, was er denkt, aber doch wacht über allem der Wirt Heiko Schröder, der mit seiner Familie den Laden führt und klar die Grenzen bei aller Toleranz zu setzen weiß. 
Freitags trifft man sich nachmittags zum Mau Mau. Dem Kartenspiel, das manche nicht ernst nehmen. Aber wen kümmert das? Die Stammgäste spielen es mit großer Leidenschaft. Die Bildserie von Simone Weigelt ist über Wochen an solchen Nachmittagen entstanden. 
Die Fotografin stammt aus Gera und lebt heute in Kurtschlag, einem Ortsteil von Zehdenick. Sie zeichnet sich durch Fotoserien von Menschen aus, die nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Menschen, deren Gesichtern und Körpern man das Leben, das es nicht immer gut mit ihnen meinte, ansieht. Es sind aber immer Menschen, die wissen, was sie wollen. Und das kann auch einmal die Verweigerung sein. Weigelts Bilder zeugen von ihrer Empathie für diese Leute. Nie führt sie einen der Fotografierten vor, stellt ihn oder sie bloß, macht sich lustig. Es ist eine sehr direkte, persönliche Fotografie. Es sind Bilder von jemanden, der in kurzer Zeit Teil der Mau-Mau-Nachmittage und der Schrödergemeinschaft wurde, von den Spielerinnen und Spielern akzeptiert wurde. Es sind intime, authentische Fotografien, ohne Kunstlicht und mit einer großen Intimität entstanden. Das Objektive hat hier keinen Platz, es ist eine Reportage aus dem Herzen der Kleinstadtkneipe und damit der Welt. 
Simone Weigelt ist hier etwas Außergewöhnliches gelungen. Sie hat nicht nur einzelne Menschen abgelichtet, sondern das Porträt einer Kneipe gezeichnet, das Bild eines Gasthauses in einer brandenburgischen Kleinstadt, wie sie komplett zu verschwinden drohen. Und diese Bilder erzählen uns Geschichten. Es sind nicht nur die Geschichten der Menschen, die nicht selten genau an diesem Ort begonnen haben und vielleicht auch enden werden. Diese Bildserie ist auch die Geschichte von jedem von uns. Ganz unabhängig, ob man selber jemals im Schröder war oder in irgendeiner anderen Kneipe. Aber ehrlich gesagt, wozu sollte man in eine andere Kneipe gehen, denn immerhin ist das Schröder die weltbeste Kneipe der Welt!